Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb
Mit der Publikation dieses Bandes liegen nunmehr sämtliche Reichsversammlungen der Jahre 1556 bis 1594 vor, die für die editorische Bearbeitung vorgesehen waren. Umfang, Aufbau wie editorische Präsentation dieses Bandes beleuchten die Veränderungsdynamik des Reichstags in diesen (beinahe) vier Dezennien schlaglichtartig.
Neben der Edition von Aktenstücken kann, den Zwängen druckmedialer Umfangsbeschränkung geschuldet, die seit der Jahrhundertmitte exponentiell gewachsene reichstagsbezogene Schriftlichkeit, wie sie in mehr als 50 Archiven und Bibliotheken erhoben und ausgewertet wurde, der Forschung „nur“ noch in Form einer ausführlichen Einleitung zugänglich gemacht werden.Zugleich gibt der Aufbau des Bandes zu erkennen, woraus sich diese Überlieferungssituation speist. Immer mehr Streitigkeiten, von denjenigen in einzelnen Städten, 1594 besonders prominent in der Reichsstadt Aachen, bis hin zum Reichstag selbst, geraten in den Strudel der divergierenden, argumentativ immer ausgefeilteren Interpretationen der religionsrechtlichen Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens und der Unmöglichkeit, eine dieser Deutungen verbindlich zu machen. In den zwölf Jahren, die seit Kaiser Rudolfs II. letztem Reichstagsbesuch vergangen waren, war der Dissens über „die Religion“ immer grundsätzlicher geworden, auch und gerade deswegen, weil er untrennbar mit der Frage nach den Grundlagen der politischen Ordnung des Reichs verwoben war. Umfänglich – und, abweichend vom bisherigen Editionskonzept, editorisch zu dokumentieren – waren daher die im Vorfeld unternommenen kaiserlichen Bemühungen, für zentrale religionspolitische Konfliktfelder, allen voran den Magdeburger Sessionsstreit, zumindest temporäre Lösungen zu finden, um ein Scheitern der Reichsversammlung noch vor der Verhandlungsaufnahme zu verhindern. Deshalb sollte es mehr als zwei Wochen dauern, bis es Rudolf II. gelang, am 2. Juni 1594 den Reichstag in Regensburg feierlich zu eröffnen.
Der Stellenwert des Themenfelds „Religion“, seit 1566 in den kaiserlichen Propositionen nicht mehr als Gegenstand kurialer Beratungen ausgewiesen, veränderte zugleich den Verhandlungsgang grundlegend. So dokumentiert auch dieser Band, wie alle vorherigen, die „Verhandlungsakten“ und damit das Beratungsgeschehen in den drei Kurien, an deren Ende eine erkleckliche Hilfe der Reichsstände für die militärische Konfrontation des Kaisers mit dem Osmanischen Reich stand. Doch erstmals für die Regensburger Versammlung des Jahres 1594 bedarf dieses, am formalen Verhandlungsgang orientierte editorische Auswahlprinzip zwingend der Modifikation, um die Ergebnisse reichstäglichen Beratens nachvollziehbar zu machen. Schon immer spielte sich ein Gutteil reichstäglichen Beratens auf der informellen Hinter- und nicht auf der Vorderbühne ab, die im Modus des öffentlich inszenierten und im formalen, kurialen Beratungsgang ebenso her- wie dargestellten Einvernehmens operierte. Und auch wenn sich an dieser Handlungsorientierung bei Kaiser wie Reichsständen im Jahr 1594 nichts geändert hatte, so waren es die von den Reichstagsteilnehmern zum Gegenstand des Beratens gemachten Konflikte, die diesen Modus tractandi, wie die Edition im Detail zeigt, erodieren ließen. Deutlicher als jemals zuvor war 1594 das Menetekel lesbar, das seit 1608 endgültig Gestalt gewinnen sollte.
Keinem anderen als einem so erfahrenen Editor wie Josef Leeb es ist, wäre es möglich gewesen, eine solche herkulische Aufgabe wie sie die Edition dieses Bandes darstellt, in angemessener Zeit zu bewältigen. Josef Leeb, der während der Entstehungszeit dieses Buches auch Maßgebliches zum Gelingen der digitalen Edition des Regensburger Reichstags von 1576 beitrug, verabschiedet sich mit diesen beiden Publikationen in den Ruhestand. Ihm, der seit 1989 als Mitarbeiter der Historischen Kommission tätig ist, verdanken wir die editorische Dokumentation von nicht weniger als acht Reichsversammlungen, die in elf, teilweise digitalisierten Teilbänden sowie als eine digitale Edition vorliegen. Umsicht, Akribie, Zuverlässigkeit, immenser Fleiß, stetige Gesprächs- und große Hilfsbereitschaft, wann immer es seiner Expertise bedurfte, und die Fähigkeit, sich auf neue Herausforderungen, wie sie mit einer digitalen Edition verbunden sind, einzulassen, das sind die hervorstechendsten Eigenschaften, die er während seiner Arbeit als Editor an den Tag legte. Sein Wirken war ein Glücksfall für die Historische Kommission. Stellvertretend für die Historische Kommission sei ihm daher an dieser Stelle großer Dank und große Anerkennung für seine Arbeit ausgesprochen, verbunden mit allen guten Wünschen für seinen bevorstehenden Ruhestand. Er wird fehlen.