Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Textvorlage: Österreich, fol. 92 f., 81–83.

Stellungnahme des FR zum Streit der Stadt Augsburg mit den Reichsstädten. Minderheitsvotum der protestantischen Stände. Anschluss an KR.

/92/ Fürstenrata. Salzburg proponiert: Dekret des Ks. mit der Forderung einer Stellungnahme von KR und FR zum Streit um den Ausschluss der Stadt Augsburg aus SR1.

Umfrage. Salzburg: Man solte noch zur zeit die hauptsachen nit disputieren, sunder dieweil Augspurg in notoria possessione sessionis, so soll ihr Mt. zuerinnern sein, die stätt dahin zuweisen, daß sy irem ersten decreto2 parieren. Wan sy sich widern woltenn, soll es ihr Mt. ex officio thuen.Jedoch möglichst Anschluss an KR.

Bayern: Man soll dz petitorium alhie nit tractieren, sunder alleinn dz possessorium, et spoliatosb ante omnia sunt restituendos; ab executione soll man nit anfahen, unnd die von Augspurg de facto nit zuentsetzenn. Ihr Mt. sollen irem ersten decret inherierenc.

Österreich: Aufgrund der von Salzburg und Bayern genannten Gründe soll ihr Mt. dem gegebnenn decret inherieren. Hernacher soll man dz petitorium an die händt nemen.

Pfalz-Lautern: Vergleicht sich mit den drey vorgangnen in dem, dz man jetzunder daß petitorium nit tractiren soll. Aber daß possessorium seye auch noch nit gnugsamb deduciertd. Verscheibt[!] es auff die deputation.

Burgund: Ut Saltzburg et Bayernn.

Pfalz-Simmern: Ut Pfaltz-Lauternn.

Besançon mit Trient: Ut Saltzburg. Repetit idem pro Trient.

/92’/ Pfalz-Neuburg: Es sey noch nit gnugsamb bericht einkommen, die sach seye altioris indaginis. Dieweil die stätt nichts anders begeren, dan daß es in dem alten wesen verbleibe, soll man Augspurg ermanen, daß sie bey der correspondentz3 verbleibe. In effectu ut Lautern.

Deutschmeister: Ut Saltzburg.

Pfalz-Zweibrücken: Die stätt gestanden nicht, dz sie Augspurg außgeschloßen. Man soll die stätt auch daruber verhören; ut Lauterne.

/92’, 81 f.4/ Im Folgenden votieren entsprechend Salzburg, Österreich und Bayern: Bamberg, Worms, Würzburgf, Eichstätt, Speyer, Konstanz, Augsburg, Hildesheim, Paderborn, Freisingg, Jülich, Regensburg, Passau, Basel, Münster, Lüttich, Minden, Cambrai, Baden-[Baden], Metz, Leuchtenberg, Toul, Lausanne, Hersfeld, Nomeny, Johannitermeister, Arenberg, Ellwangen, Berchtesgaden, Stablo, Prüm, Prälaten, schwäbische Gff.

Pfalz-Lautern schließen sich an: Pfalz-Veldenz, Brandenburg-Ansbach (Zusatz: /92’/ Augspurg sey freywillig abgetretten, habe sich selbst spoliert), Braunschweig"–Grubenhagen (Zusatz: jedoch zunächst entsprechend Sachsen-Weimar Anhörung des KR), Pommern-[Stettin], Pommern-[Wolgast] (Zusatz: /81/ Die sach hab ain weites außehen. Man solle ihr Mt. rahten, dz man caute procedireh), Württemberg, Hessen-[Kassel] (Zusatz: /81/ Weil kain periculum in mora, soll man es verschieben), Hessen-[Marburg], Hessen-[Darmstadt], Baden-Durlach [Ernst Friedrich und Georg Friedrich], Anhalt, Wetterauer Gff.

Votum Sachsen-Weimar: /92’/ Man solle sich mit dem churfurstlichen collegio vergleichen.Sachsen-Coburg [Johann Casimir und Johann Ernst] schließen sich dem an, auch Henneberg votiert inhaltlich entsprechend.

Votum Braunschweig-Wolfenbüttel: /81/ Die zeit werde es geben, wohin die trennungeni außwöllen. jEs seyen in causa spolii 2 requisita: possessio et deiectio; alterum hic non esse observatum. Posito, daß alle requisita verhanden seyen, so thuwe man es dannach bey etlichen fursten nicht, dz sy in possessione manuteniert werdenn,5.Braunschweig-Calenberg und ‑Lüneburg schließen sich an.

Verdunkist abwesend.

/81’/ Mehrheitsbeschlussl: In diser sachen solle man ir Mt. erinneren, dz sy irem ergangenem decreto nachsetzen, dz petitorium vorbehaltenn[solle].

mDarauff Braunschwaig-Wolffenbüttel furgebracht6, die vota werden mißbraucht. Welches graff Carle von Hohenzollernn widersprochen: Es seye nit wahr, kain ehrlicher man werde es mit grundt von ime sagen; zuverthädigung seiner persono. Wan es daraußen7 geredt werde, wolte er es anderst verthädigenp. Darauff alle chatolischen /82/ dergleichen wider ine, doctor Jagman8, repliciert9.

/82’ f./ Kurfürstenrat und Fürstenrat, im Sitzungszimmer des FR. [Entsprechend Protokoll des KR, 479’–481. Differenzierter zur Salzburger Replik auf den Einwand Pfalz-Lauterns wegen der Mehrheitsbildung im FR:] /83/ Darwider Saltzburg replieciert, es seye der beschluß durch 43 vota gemacht worden, ihr10 opinion habe nuhr 18 stimmen gehabtt.

Anmerkungen

a
 Fürstenrat] Würzburg B (fol. 188) zum Sitzungszeitpunkt: Vormittag.
1
 Nr. 368; mit dem 1. Dekret des Ks. [Nr. 360], dem Gegenbericht der protestantischen Reichsstädte [Nr. 363] und dem Bericht der ksl. Kommissare [Nr. 369] als Beilagen.
2
 Nr. 360.
b
 spoliatos] Augsburg (unfol.) deutlicher: die von Augspurg […] billich allß die spollierte.
c
 inherieren] Würzburg B (fol. 188’) zusätzlich: Falls die Reichsstädte sich dem widersetzen, soll man pro authoritate caesarea dasselbig exequiren.
d
 deduciert] Würzburg B (fol. 188’) zusätzlich: deshalb khinde man nicht ad restitutionem khommen, sondern seye weytterer information von nötten.
3
 = Teilnahme an den Städtetagen und Leistung der Städtekontribution.
e
 Lautern] Würzburg B (fol. 189) zusätzlich: nämlich Prorogation an den RDT.
4
 Fehler in der Ablage des Protokolls.
f
 Würzburg] Würzburg B (fol. 189 f.) differenzierter: Die Sachlage im Streit geben die Akten und das ksl. Dekret /189’/ genugsam zuerkhennen und ist auch ahn im selbsten notori. Darff derhalben das spolium khain verrere ausführung.
g
 Freising] Würzburg B (fol. 190) differenzierter: Die entsetzung der statt Augspurg seye offenbar, sölle in allwegen restituirt werden; und seye die correspondentz voluntatis.
h
 dz man caute procedire] Würzburg B (fol. 190) differenzierter: ut cum plena causae cognitione tam in petitorio quam in possessorio daselbe fürnemme.
i
 die trennungen] Jülich-Berg (fol. 248) deutlicher: uber die trennung, so im furstenrath furgegangen,jetzt zusätzlich jene im SR.
j
–j Es … werdenn] Augsburg (unfol.) differenzierter: Der Gesandte hat sich more solito gantz bewegt dahin erclehrt, man wisse in der schuel auß den institutionibus iuris, daß zu restitution eines fürgebnen spolii zway requisita erfordert werden: Erstlich possessio ex parte spoliati et deiectio ex parte spoliatoris. Nuhn weren die ubrige beclagte stett einicher deiection nit gestendig, sonder die statt Augspurg hett sich selbst vonn dem stettraht abgenohmen.Schließt sich den katholischen Ständen darin an, dass ein Ausschluss von der Session nicht den Reichsständen, sondern allein dem Ks. zusteht, und auch dergestallt, daß irer Mt. auch sollches nit anderst zuthun befüegt weren, es hette dan ein standt deß Reichs ein crimen laesae maiestatis begangen. Hergegen aber sollte man nit practiciert haben, daß Magdenburg und andere von dem Reichs rath abgewisen worden weren. Weilln es aber uns[= den katholischen Ständen] dazumal also gefallen, so sollen wirs jetzmals auch allso halten dergestalt, daß, wo schon die statt Augspurg irer possession entsetzt worden, daß man dem stettrath sollches auch passieren liesse und daß werckh, wie es jezo ahn ime selbst ist, uff die nechstkhünfftige deputation sollte verschoben werden.
5
 In der Textvorlage als Randvermerk: Intellegit Madenburg[!] und Halberstatt.
k
 Verdun] Würzburg B (fol. 190’) zusätzlich: ebenso Sitten.
l
 Mehrheitsbeschluss] Augsburg (unfol.) differenzierter zur Mehrheitsfindung und zur nachfolgenden Debatte: Als nach der Umfrage die maiora von dem saltzburgischen ahn der obern banckh angezaigt worden, daß sich nemblich mit dem saltzburgischen voto 45, mit dem pfaltzischen aber allein 18 oder 19, und dann 4, so sich mit dem kfl. collegio vergleichen thetten, haben die protestierende instendig, ir mainung auch zurefferieren, begert. Weillen es aber als dem herkhommen zuwider nit beschechen, hatt sich darauf ein grosses gezenckh und geschray erhebt, darunder etliche die saniora vota praeferieren wollen.
m
–m Darauff … mißbraucht] Würzburg B (fol. 191) differenzierter: Uf diß der braunschweigisch-wolffenbuttlisch gesandter, doctor Jagenman, gantz unbescheidenlich und vermeßentlich heraußer gefahren und gesagt, man mißbrauche die maiora, und was dan sie, hoc est die lutterische, der orths thüen.
6
 Referat des Mehrheitsbeschlusses, des protestantischen Minderheitsvotums, der folgenden Auseinandersetzung mit Jagemann und der Differenzen beim Vortrag der Resolution des FR im KR bei Stieve, Geschichte, 158 f. (nach dem bayerischen RT-Bericht vom 5. 8.: HStA München, KÄA 3232, fol. 505–507’. Or.).
n
 Hohenzollern] Würzburg B (fol. 191) zusätzlich: so von Österreich wegen gesessen.
o
 person] Hessen (unfol.) zusätzlich vor dem Folgenden: Jagemann antwortet darauf, er hette dem graven solches nicht zugemeßenn, sondern gesagt, man hette sich der maiorum mißbrauchet; das sagte er noch etc.Dazu repliziert der Gf.: Wan er […].
7
 = außerhalb des FR.
p
 es anderst verthädigen] Würzburg B (fol. 191) deutlicher: ime anderst sagen und die zehn[Zähne] darüber einschlagen. Wolle eß aber nicht underlassen, ahn seinen gebürenden orth mit vleyß wissen[!] zu referiren und gelangen zulassen. Eichstätt (fol. 100) zusätzlich mit Replik Jagemanns: Dagegen doch er, der wolffsbeltz[!], als ein zenckhische, trutzige haderkatz widerbelt, er lasse ime das maul nit binden etc.
8
 = der Wolfenbütteler Gesandte.
9
 Vgl. die nachfolgende Beschwerde der katholischen Stände gegen Jagemann beim Ks. [Nr. 356], in der auch der Wortwechsel Jagemanns mit Gf. Karl von Hohenzollern angesprochen wird.
10
 = der protestantischen Stände im FR.