Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Bitte um den Verzicht auf die Magdeburger Session beim RT in Anbetracht der Türkengefahr und zu Ehren des Ks. Zusage nachfolgender Klärung des Streits sowie der Unterrichtung Kf. Johann Georgs von Brandenburg und Mgf. Joachim Friedrichs.

Datum: 30. 5. 1594; inhaltlich den Verhandlungen am 31. 5. zuzuordnen1.

HHStA Wien, RHR Judicialia Antiqua 273/4, fol. 359–360’ (Konzeptkop. Aufschr.:Anderwertte kaiserliche antwortt in causa magdenburgischer session aufm reichstag zu Regenspurg anno 94.) = Textvorlage.

/359/ Es hette die röm. ksl. Mt., unnser allergnedigister herr, sich gleichwol gnedig unnd gentzlich versehen, die abgesandte der chur- und fursten zu Brandenburg etc. wurden in sachen des primats und ertz stiffts Magdenburg streitiger session nach gelegenheit des jhenigen, was ir ksl. Mt. dise tag uber gantz vätterlicher unnd guettherziger wolmainung inen zu gemuet fhueren, auch ungespart höchster bemuehung handlen lassen, die umbstendt dises wercks, wie es im grundt an yetzo beschaffen, bewogen unnd, sintemal aigentlich in disen speen unnd irrungen brevi manu oder per directum hiedurch zu gehn in irer ksl. Mt. macht und willen alleinig nit beruehet, dem allem nach angeregter ksl. verman- und erinderung statt gethon und bevorab sich zue stillung vorstehender scheinbarer inner- unnd eusserlicher gefährligkeit, wie es die notturfft wol erfordern thuet, denselben leufften nach bequemet haben, damit also des angestelten Reichs tags proposition, zu deren jedermann eylet, lenger nit verzogen noch aufgehaltten wurde.

Dieweil aber uber zuversicht diß alles biß dahero nit erhöbt werden mögen, so können ir ksl. Mt. zum uber- /359’/ fluß ermelten gesandten verrner, mit getreuwem gemuet zubetrachten, anzuefuegen unnd furzustellen, nit vorbeygehn: Wann dannoch dergestallt in dem fall (darinnen, wie verstannden, irer ksl. Mt. keine schuldt zuezumessen, sondern vilmehr ir und ires geliebten herrn vatters, kaisers Maximiliani, christseeligster gedechtnuß, seither anno der wenigern zahl neunundsechtzig gebrauchte moderation und miltterung zuebedenckhen und zuerkhennen2) ein trennung und mißtrauen under gemainen stennden, die dann endtlich aus verrer der abgesandten verwaigerung zuebesorgen, verursacht [aoder die hochnottrungenliche Reichs versamblung ausgestossen, zerrüttet unnd sambt dem ungleichen despect, welcher der ksl. Mt. so wol anwesenden churfursten, fursten und stennden bey der gantzen welt hieraus zugewartten–a], nachvolgentlich der noch uberplibene thaill des königreichs Hungern verlohren, der erbfeindt die bißher erhalttene vorstraich der christenheit abdringen und unzweiffenlich das gantze Reich teutscher nation dardurch in eusserste noth, gefahr und verderben gesteckht und gesetzt werden solten, wie ubel und schwer solches gegen Gott dem allmechtigen als auch dem gemainen geliebten vatterlandt zuverantwortten: Derwegen gesinnen und begern ir ksl. Mt. an wol- und mehrermelte gesanten gnedigen und besten /360/ fleisses, sy woltten doch zu rettung erstgemelter augenscheinlicher gemainer gefahr, ob- und ahnligen als auch irer ksl. Mt. zu danckhnemmigen ehren zuevor begerter und gesuechter massen nochmals mit der movierten controversien und stritt guettwillig aus dem weg haltten und die sach in dem standt, wie sy auf verschinen Reichs tägen der wenigern zahl anno 70 und 76 gewesen3, bewenden lassen.

Hientgegen erpietten sich ir ksl. Mt. und seindt entschlossen, zum furderlichsten nit allein des chur- und furstlichen hauß Brandenburg angebrachte motiva und praetensiones notturfftig anzuhören und dieselbe anfurtters an gepurende ortt zu communicirn4, auch alle mittel zueversuechen, ob etwa auf zimbliche weg disen dingen guetlich abgeholffen werden möcht, sondern wöllen auch in entstehung der guete und wann diß wesen mit seinen umbstenden zur notturfft praeparirt sein wurdt, ein rechtmessigen entschiedt unnd außspruch dorüber ergehn lassen.

Zudem damit sy, die chur- und furstliche gesandten, umb sovil weniger, birer ksl. Mt. dißfalls gehorsamblich zue wilfaren–b, in bedenckhen ziehen, so seindt ir ksl. Mt. gemaint, alßgleich unsern gnedigisten herrn, den churfursten zu Brandenburg, so wol irer kfl. Gn. geliebten sohn, herr marggraf Joachim Fridrichen, bey einem aignen curier der /360’/ gegenwerttigen verlauff- undt beschaffenheittc zuebrichten5; in veranlessiger zuversicht, ir chur- und f. Gnn. (mit denen ir ksl. Mt. sonsten alle freundtschafft und vertreuliche correspondentz zuerhaltten begern) werden gemainer chrisenheit und dem geliebten vatterlandt zu wolstandt irer ksl. Mt. intention und wie die sach yetziger zeitt angestannden, aus obgehörten ursachen dfur genugsam vermercken undt–d inen nit zuwider sein lassen.

Solches seindt die ksl. Mt. gegen vilgenanten chur- und furstlichen räthen unnd gesandten mit kayserlichen gnaden und allem guettem zuerkennen vorters genaigt.

Actum feria secunda pentecostes6 anno 94.

Anmerkungen

1
 Vgl. Nr. 320, Absatz 1 und 5.
2
 Bezugnahme auf den Pressburger Vergleich 1569: Zwar Verweigerung der Regalien und eines Lehnsindults für Joachim Friedrich, jedoch Zugeständnis des Ks., die Schreiben an das Magdeburger Domkapitel als Herrschaftsträger mit der Klausel zu verbinden: „Solches alles werdet ihr an das gehörig ort ferner gelangen zu lassen wissen“(vgl. Anm. 12 bei Nr. 329).
a
–a oder … zugewartten] In der Textvorlage eingeklammert (= gestrichen) mit Randvermerk: Haec omissa sunt.
3
 = Verzicht auf die RT-Teilnahme. Vgl. Anm. 4 bei Nr. 333.
4
 Vgl. die nachfolgende Eingabe der Magdeburger Gesandten [Nr. 336] an den Ks. und deren spätere Übergabe an die katholischen Stände durch den Ks. [Nr. 340].
b
–b irer … wilfaren] In der Textvorlage korr. (Hd. Hannewald) aus: sich irer ksl. Mt. dißfalls zue bequemen.
c
 undt beschaffenheitt] In der Textvorlage Hinzufügung am Rand von Hd. Hannewald.
5
 Anstelle eines Kuriers schickte der Ks. Reichshofrat Christoph von Schleinitz als Gesandten [vgl. Nr. 338].
d
–d fur … undt] In der Textvorlage Hinzufügung am Rand von Hd. Hannewald.
6
 = 30. 5. 1594.